Wer ist diese Frau, die den Mut hat, mit Erotik zu handeln?
Erotik. Die wir uns nicht trauen, bei einschlägig bekannten Versandhäusern oder im Internet zu ordern aus Angst, wir sind nicht daheim wenn der Postbote kommt und dann erfährt der Nachbar, was wir wo und wann bestellt haben, oh nein! Denn mal ehrlich, meine Damen, gehen wir auf dem Kiez etwa alleine in Sexshops? WOHL KAUM – oder zumindest nur die wenigsten von uns. Für die meisten gilt: In einen Sexshop nur mit 7,9 Promille und niemals allein und auch nur, „um mal zu gucken” und schnell wieder zu gehen, sonst sähe es noch so aus, als würde man sich ernsthaft umschauen.
Als meine geliebte Vibratorin PennyLane (übrigens ein Geschenk) nach fünf treuen Jahren den Dienst verweigerte, habe ich mit mir gekämpft: Ich brauchte Ersatz. Aber ich habe mich nur unter größter Überwindung in den Laden auf der Reeperbahn getraut, nachts, mich umgeguckt, nichts gesehen, das nicht nach Chemie stinkt, nach Rasenmäher klingt, nach Trostpreis aussieht oder an eine mobile Pferdebesamungsstation erinnert, gemerkt, dass mich die anwesenden Männer beobachten, rot geworden, nicht mehr den Mut gehabt, mich beraten zu lassen, abgehauen und beschlossen, doch wieder auf Handbetrieb umzustellen.
Lachen Sie ruhig. Aber tun Sie nicht so, als wäre Ihnen das nicht auch schon passiert.
Drei Wochen später schob mir eine Kollegin einen Flyer über den Schreibtisch (meine Sehnsucht nach PennyLane war anscheinend nicht zu übersehen):
Kleine Freiheit – EROTIK FÜR DIE FRAU – Winterhude – Hudtwalckerstrasse 20
Kein Rotlichtviertel. Kein Hinterhof. Bevor ich vor Erleichterung sofort losfahre, um mir einen Vibrator zu kaufen, der einen extra Klitoris-na-Sie-wissen-schon hat, rufe ich lieber an und frage, ob ich überhaupt fündig werden kann. Absolut, versichert mir die umwerfend nette Gesprächspartnerin, kommen Sie vorbei, dann zeige ich Ihnen unsere Auswahl. Also spontan auf dem Heimweg vom Büro nach Hause einen kleinen 10 km Umweg gefahren, „um mal zu gucken”.
Wer diese Frau wohl ist, die mit der Sachlichkeit einer Versicherungsangestellten und dem Esprit einer Motivationstrainerin mit mir über die Penetration meiner intimsten Zonen am Telefon spricht, als würde ich mich bei einem Elektrofachhandel über die neusten DVD-Player informieren? Vielleicht eine engagierte Lesbe, so von Frau zu Frau? Eine durchgeknallte Nyphomanin? Oder eine ehemalige Professionelle, die eine Alternative im Gewerbe gesucht und gefunden hat?
Ich komme an, betrete das Geschäft und fühle mich sofort wohl. Es riecht nicht nach Schmuddelladen, es sieht nicht mal so aus, sondern wie kleine Boutique, stillvoll, nett, nicht bedrohlich.
Und die Frau, die auf mich zukommt, ist eine von UNS. Normal! Eine attraktive Enddreißigerin, wie ich später und um 150 Euro ärmer (aber um zwei neue Vibratoren reicher) erfahre. Die nach dem Abi eben keine Lust auf ein Studium hatte, eine gelernte Einzelhandelskauffrau.
Sie hat viele Stationen durchlaufen: Lehre bei Karstadt, später mit leitender Funktion, nächste Station Filialleiterin bei Olymp und Hades in Flensburg, dann Außendienstmitarbeiterin bei Playtex Wonderbra. Dann kam die Sinnfrage Mitte Dreißig – tatsächlich eine von uns! Sie ging mitten im Leben wieder auf Null oder besser: setzte alles auf eine Karte.
Sie hat immer von Selbstständigkeit geträumt, hatte durch den Dessous-Außendienst immer Kontakte zu Erotikshops, hatte 2004 eine Geschäftsidee und hat gewagt, wovon viele von uns träumen – das Leben neu aufzurollen.
Ich suche verzweifelt nach nymphomanischen Tendenzen in ihr, während sie in der Leseecke bei einem Sekt erzählt. Fehlanzeige! Nichts, was wir nicht auch hätten. Sie handelt mit der Lust, ohne dabei zu wirken wie ein Fleisch gewordenes Viagra-Dragee. Sie verkauft Erotik, ohne dabei Pornographie zu verhökern.
Mein Blick gleitet über die Regale. Die Auslage sieht toll aus, bunt, freundlich, aufregend, ein bisschen fühle ich mich wie Alice im Wunderland. Wer kauft hier noch so, frage ich? Welcher Typ Frau? Frauen wie Du und ich, höre ich. Frauen wie meine Kolleginnen, denke ich. Durchaus auch mal Professionelle und Dominas, aber auch Ärztinnen, Juristinnen, Sekretärinnen, Hausfrauen, Leseratten auf der Suche nach erotisch-prickelnder Literatur, Frauen in der Menopause, manche sogar auf Empfehlung ihres Gynäkologen. Frauen, die Lust auf Lust haben, die ihre Sexualität leben wollen. Egal ob homo oder hetero.
In mir breitet sich ein wohliges Gefühl aus. Ich bin beruhigt. Ich fühle mich wohl in meiner Haut, neben mir die neutrale Tüte, gefüllt mit meinen Heiligtümern. Ein bisschen zieht es mich nach Hause ins Bett, mit meinen Neuen spielen, ein bisschen will ich wieder herkommen (na gut, ich WERDE wiederkommen: in zwei Wochen hole ich mein Maß-Korsett ab - dann nehm ich meinen Freund mit). Ich war shoppen. Für mich. Für mein Wohlbefinden.
Meine Damen: vor Gott und den Vibratoren sind wir alle gleich! Svenja hat genau dies erkannt und uns Frauen damit eine Tür geöffnet, die Tür zur kleinen Freiheit.
Ihr Erfolg gibt uns Recht, das Recht auf Erotik für die Frau. So von Frau zu Frau!
Charlotte V. Journalistin und Kundin